Auswanderungen aus der Schulge­meinde nach Ungarn

"Benolpe - Geschichte einer Schulgemeinde" von Burkhard Lütticke

Auswanderungen aus der Schulge­meinde nach Ungarn

Seit über tausend Jahren lassen sich Auswanderungen aus deutschen Landen nach Ungarn nachweisen.

Im 15. Jahrhundert fielen die Türken in Ungarn ein. Nach der Niederlage von König Ludwig II., der dabei selbst sein Leben verlor, brach das ungarische Königtum zusammen. Anderthalb Jahrhunderte hausten die Türken im Land. Die Städte und Dörfer wurden zerstört, die Bevölkerung vertrieben, verschleppt oder ermordet, die Kultur wurde vernichtet und die Landwirtschaft lahmgelegt.

Nach dem Sieg Österreichs über die Türken begann der Wiederaufbau des zerstörten Landes. Hierfür wurden dringend Siedler gesucht. Aufgrund des Beschlusses des ungarischen Reichstages aus dem Jahr 1723 wurde eine groß angelegte Werbeaktion in den österreichischen Ländern und im ganzen "Heiligen Römischen Reiche deutscher Nation" eingeleitet. Besonders in Süd- und Mitteldeutschland wurde erfolgreich Ackerbau treibende Bevölkerung für eine Ansiedlung gewonnen. Weitere Werbungen durch ungarische Edelleute, Kirchenfürsten und Klöster folgten.

Kaiserin Maria Theresia (1740-1780) und auch ihr Sohn Kaiser Joseph II. (1780-1790) erließen später sogenannte "Ansiedlungspatente" (zuerst 1755) in denen die verschiedensten Vergünstigungen und Verbindlichkeiten für die Bewerber bekannt gegeben wurden. Diese gezielte Werbung verfehlte auch im Drolshagener Land ihre Wirkung nicht. Anders ist die große Zahl von Auswanderer in ein fremdes und völlig unbekanntes Land nicht zu erklären. Ausschlaggebende Gründe waren sicherlich in den meisten Fällen auch Verschuldung, Armut und Not der Bevölkerung. Mit rd. 90 % wurde der überwiegende Anteil der Auswanderer von Beiliegern, Handwerkern und Köttern gestellt.


Die ersten schriftlichen Quellen über Auswanderungen aus dem Drolshagen Land nach Ungarn liegen aus dem Jahr 1725 vor. Aus Drolshagen und Umgebung wanderten wenigstens 7 Familien nach Ungarn ins Banat aus.

In den Jahren 1765 und 1766 war die Zahl der Auswanderungen weitaus stärker. Der Drolshagener Pastor Bender hat am Ende des Taufregisters von 1724 bis 1808 eine Zusammenstellung der in den genannten Jahren nach Ungarn entlassenen gegeben.

Darunter finden sich aus der Schulgemeinde Benolpe folgend Personen bzw. Familien, die sämtlich im Jahr 1766 ausgewandert sind.

1. Eheleute Joes Xaverius Gastrich und Elisabeth geb. Nebeling aus Benolpe mit einem Kind: Joh. Henrich, getauft 06.05.1764
Erläuterungen:
Xaver Gastrich wurde am 13.12.1739 als Sohn der Eheleute Johann Gastrich und Elisabeth Schürholt in Drolshagen getauft. Er verehelichte sich mit Elisabeth Margarete Nebeling, Tochter der Eheleute Johann Wilhelm Nebeling und Eva Fernholt.
Ansiedlung in Hatzfeld.
Er heiratete nach dem Tode seiner ersten Frau am 19.11.1768 Maria Katharina Schuldin.

2. Eheleute Joannes Bayer und Eva Cath. geb. Camp aus Benolpe (kinderlos)
Erläuterungen:
Johann Bayer, Sohn der Klara Bayer in Gerlin­gen ehelichte am 01.05.1765 Eva Maria? Camp, Tochter der Eheleute Johann Peter Camp und Maria Katharina Straatz aus Benolpe.
Ansiedlung in Billed.

3. Eheleute Joan Adam Mülhaus und Anna Marga­retha geb. Nebeling aus Benolpe mit zwei Söh­nen, Johann Wilhelm, getauft 28.08.1746 und Johann, getauft 15.03.1750.
Erläuterungen:
Johann Adam Mülhaus, Sohn der Eheleute Niko­laus Mülhaus und Maria Sibilla Herz aus Benol­pe, ehelichte in Drolshagen am 30.01.1736 Anna Margarethe Nebeling, Tochter der Eheleute Adam Nebeling und Margarete Lichtermich.
Ansiedlung in Billed.
Die Witwe des Auswanderers starb in Billed am 26.11.1767.

4. Eheleute Henrich Ochel und Angela Maria geb. Mülhaus (Tochter von 3) aus Benolpe mit dem Sohn Jois Joseph, getauft 11.09.1763
Erläuterungen:
Henrich (Johann Heinrich) Ochel wurde am 27.01.1743 in Rüblinghausen geboren und am 29.01.1743 getauft. Er heiratete am 27.04.1762.
Ansiedlung in Billed.
Seine Witwe starb am 30.05.1771. Henrich Ochel muss demnach bereits früher gestorben sein.

5. Eheleute Henricus Brüser und Maria Elisabeth geb. Mülhaus (Tochter von 3) mit dem Sohn Joh. Wilhelm, getauft 23.10.1765
Erläuterungen:
Henricus (Heinrich) Brüser wurde in Ottfingen geboren. Er heiratete am 27.06.1764 in Drols­hagen.
Ansiedlung in Billed.
In Billed wurden noch zwei weitere Kinder gebo­ren. Alle drei Kinder sind dort gestorben. Auch Henricus Brüser muss bald gestorben sein. Seine Witwe hat am 21.11.1773 wieder geheiratet.

6. Eheleute Christophorus Camp (Kamp) und Ma­ria Catharina geb. Nebeling aus Benolpe mit 2 Söhnen: Joes Wilhelm, getauft 14.11.1762, und Joan Theodor, getauft 15.10.1765
Erläuterungen:
Christophorus Camp, Sohn von Anton Camp und Margarethe Zeppenfeld, heiratete am 22.01.1760 Maria Catharina, Tochter der Ehe­leute Johann Wilhelm Nebeling und Eva Katha­rina Fernholz aus Benolpe.
Ansiedlung in Billed.
Die Ehefrau starb am 29.01.1767 im Alter von 40 Jahren. Christophorus Camp heiratete am 03.03.1767 Anna Elisabeth Hoffmann.

7. Witwer Georg Kleine aus Wormberg mit seiner Tochter Anna Maria, getauft 06.06.1751
Erläuterungen:
Georg Kleine, Sohn von Peter Kleine und Vero­nika Zimmermann aus Husten ehelichte in Drolshagen am 09.01.1734 Katharina Voss, Tochter der Eheleute Johann Voss und Cacilia Siepe aus Kalberschnacke. Sie hatten 3 Kinder; die Ehefrau und 2 Kinder starben vor der Aus­wanderung.
Ansiedlung in Billed.

8. Eheleute Caspar Kleine und Anna Maria geb. Camp aus Benolpe mit 2 Kindern, Elisabeth, getauft 18.09.1762 und Anna Maria, getauft 04.04.1764.
Erläuterungen:
Caspar Kleine wurde getauft am 27.01.1733 zu Drolshagen als uneheliches Kind des Georg Kleine (Ziff. 7) und der Katharina Voss. Er ehe-lichte am 04.10.1760 in Drolshagen Anna Maria Camp, Tochter der Eheleute Johann Wilhelm Camp und Margarete Schneider und Schwester des Joes Petrus Camp (Ziff. 10) zu Benolpe.
Er siedelte vermutlich erst in Billed an und zog von dort später nach Hatzfeld.
Seine Ehefrau verstarb am 22.04.1789 in Hatz­feld.

9. Eheleute Jois Peter Stuperich und Anna Marga­retha geb. Hartenacke aus Benolpe (kinderlos)
Erläuterungen:
Jois Peter Stuperich, getauft 10.03.1739. Sohn der Eheleute Friedrich Stuperich und Katharina Keese. Heiratete am 17.05.1765 Anna Marga-reta Hartenacke, Tochter der Eheleute Heinrich Hartenacke und Margarete Halbe aus Benolpe.
Ansiedlung in Hatzfeld.
Im Banat werden den Eheleuten noch zwei Kin­der geboren, Michael getauft 12.05.1768 und Peter Anton getauft 29.03.1771. Nach dem Tod seiner Frau heiratet Peter Stuperich am 27.01.1789 Klara Zahn.

10.  Anna Katharina Hartenacke aus Benolpe, ledig, getauft 22.01.1747 (Schwester der Ehefrau zu Ziff. 9).
Erläuterungen:
Ansiedlung in Hatzfeld.

11.  Eva Maria und Johann Heinrich Stuprich (Schwester und Bruder des Auswanderers zu Ziff. 9)
Erläuterungen:
Ansiedlung ebenfalls in Hatzfeld.
Eva Maria starb am 11.10.1772 (30 Jahre alt). Der Bruder Johann Heinrich verehelichte sich am 13.10.1770 mit Elisabeth Gerhard. Nach dem Tod seiner Frau heiratet Johann Heinrich Stuperich am 09.05.1786 Maria Elisabeth Heder.

12.  Eheleute Joes Petrus Camp (Kamp) und Angela geb. Reinekus aus Benolpe mit 2 Kindern; aus der 1. Ehe mit Anna Gertr. geb. Dornsieper: Joan Jos., getauft 05.06.1759; aus der 2. Ehe: Joan Petrus, getauft 05.08.1764
Erläuterungen:
Joes Petrus Camp wurde als Sohn der Eheleute Johann Wilhelm Camp und Margarete Schnieder aus Benolpe am 30.10.1738 in Drolshagen ge­tauft und ehelichte am 07.11.1758 die Ww. Ger­trud Dornsieper aus Husten. Nach deren Tod heiratete er am 11.05.1762 Angela Reinekus, Tochter der Eheleute Peter Reinekus und Anna Maria Feldmann aus Hützemert.
Ansiedlung in Hatzfeld.
Der erste Sohn Joan Josef starb am 01.07.1766. Seine zweite Frau starb am 14.11.1766 (in ande­rer Quelle am 15.07.1766) in Hatzfeld. Der zweite Sohn Joan Petrus starb am 15.11.1766. Am 25.01.1767 heiratete er Anna Katharina Hartenacke (Auswanderin Ziff. 10) und hatte mit ihr 10 Kinder. Sie starb am 11.03.1795. Joes Petrus Camp starb am 10.08.1824.

13.  Johann Wilhelm Nebeling mit Familie aus Ben­olpe
Erläuterungen:
Sohn der Eheleute Heinrich Nebeling und Anna Maria Kamp aus Benolpe.
Ansiedlung in Sackelhausen, da dort die Tochter Eva Katharina am 25.9.1766 starb.

14.  Joes Camp aus Benolpe (ledig)
Erläuterungen:
Ansiedlungsort nicht bekannt.

15.  Eheleute Joan Wilm Camp und Margaretha geb. Schnieder aus Benolpe mit dem Sohn Joes, ge­tauft 17.01.1743
Erläuterungen
Ansiedlungsort nicht bekannt.


Die Zahl der Auswanderer aus der Pfarrei Drolshagen war nicht gering. Insbesondere in den Jahren 1765 und 1766 stieg die Zahl auf über 100 Personen. Davon kamen allein aus Benolpe und Wormberg 33 Personen.

Ziel der Auswanderer war sicherlich das Temesvarar Banat. Dazu mussten sie in beschwerlicher Reise zunächst über Mainz, Würzburg, Regensburg nach Wien reisen. Dort erhielt jede Familie ein einheitliches Reisegeld von 6 Gulden. Die Hofkammer in Wien kündigte dann der Landes-Administration in Temesvar die Ankunft der Familien an. Ferner wurde den Auswanderern ein Pass ausgestellt, der ihnen die Reise ins Banat erleichtern und sichern sollte.

Ansiedlungsorte der Sauerländer im Banat

Ansiedlungsorte der Sauerländer im Banat
(übernommen aus Treude: Die Auswanderungen... 1763 - 1772, Seite 38)

Besonders interessant ist es, die Ansiedlungsorte der Auswanderer festzustellen. Das Hauptansiedlungsgebiet war das Land zwischen den Flüssen Bega und Marosch im heutigen Rumänien. In der Gemeinde Hatzfeld (westliches Temesvar), heutiger Name Jimbolia, wurden allein im Jahr 1766 dreizehn Familien aus dem Amt Drolshagen und weitere fünfzehn Familien aus anderen sauerländischen Ämtern angesiedelt.

Hiervon zeugt auch ein Artikel in der Westfalenpost von Ostern 1966. Ein Nachfahre des Joes Petrus Camp, ein Matz Kampf aus Hatzfeld-Furtok hatte 30 Jahre lang nach seiner "Urheimat" geforscht. Mit seinem Brief vom 26.12.1965 war er endlich am Ziel. Er schreibt, dass der Großvater seines Urgroßvaters Johann Peter Kamp von Benolpe bei Drolshagen mit seinem Eheweib Angela geborene Reinekus und 2 Kindern sowie seinen Brüdern (sie waren zu vier Geschwistern) nach Hatzfeld, im Banat auswanderte. Sie seien am 21.04.1766 von ihrer Heimat fortgegangen und kamen am 11. Juni 1766 in Hatzfeld an. Mit ihnen seien noch 6 weitere Familien von Benolpe nach Hatzfeld gegangen. Dort hätten sie die erste Gasse, die Sauergasse gebaut. Insgesamt sind in Hatzfeld wohl 36 Familien aus dem Sauerland gelandet.  

Zeitungsbericht der Westfalenpost aus dem Jahr 1966, Nr. 86
Zeitungsbericht der Westfalenpost
aus dem Jahr 1966, Nr. 86

Als Johann Peter Kamp von Benolpe fortzog, sollen in Benolpe 12 Häuser gestanden und dort 92 Einwohner gelebt haben. Er starb im Banat im biblischen Alter von 94 Jahren am 10.08.1824. Die veränderte Schreibweise Kamp(f) bürgerte sich erst gegen 1790 in einem Zweig der Familie ein.
Matz (Variante von Matthias) Kampf gehört zur fünften Generation und ist am 19.01.1910 geboren.

Hatzfeld liegt heute in Rumänien und heißt Jimbolia. Mehr Informationen zu Jimbolia auf http://de.wikipedia.org/wiki/Jimbolia  und auf der Website von Jimbolia unter www.jimbolia.ro.

Die Sterblichkeit bei den Auswanderern war infolge des ungewohnten Klimas aber auch vieler Krankheiten (Ruhr, schwarze Blattern, Sumpffieber pp.) recht hoch. In den Jahren 1767 bis 1771 starben in Hatzfeld annähernd 970 Personen.

Die vorgenannten Auswanderungen erfolgten in sog. theresianischen Siedlungszeit. Dieser Zeit folgte die josephinische Siedlungszeit, in der es wieder zu einer vermehrten Auswanderung aus dem Kirchspiel Drolshagen kam. Aus der Schulgemeinde Benolpe ist aus dem Jahr 1784 folgende Auswanderung bekannt:

- Eheleute Peter Scholemann und M. Gertrud Luke aus Gelslingen mit 2 Kindern, Eva-Catharina und Johann Peter
Erläuterungen:
Ansiedlungsort nicht bekannt.

 Im Jahr 1785 wanderte folgende Familie aus:

 - Eheleute Joh. Peter Camp und Anna Marg. geb. Stam
Erläuterungen:
Joh. Peter Camp wurde als Sohn von Johann Camp und Magdalene geb. Reperig aus Benolpe geboren. Anna Marg. geb. Stam war die Tochter von Caspar Stam und Cath. geb. Nebeling zu Benolpe.
Ansiedlungsort nicht bekannt.

 


Quellenhinweis: 
Wiemers: Auswanderungen. In: HBO. Jg. 12(1935). S. 35 ff.
Niemann: Auswanderungen... im Banat. In: HBO. Jg. 13(1936). S. 44 ff.
Scheele: Auswanderungen... Drolshagen. In HBO. Jg. 12(1935). S. 38 ff.
Scheele: Auswanderungen... Sauerlande. In HBO. Jg. 13(1936). S. 109 ff.
Westfalenpost 1966, Nr. 86
Stracke: Zweihundert Jahre. In: HSO. 63(1966). S. 58 ff.
Treude: Die Auswanderungen... 1763 - 1772 

 

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