St.-Anna-Prozession

"Benolpe - Geschichte einer Schulgemeinde" von Burkhard Lütticke

St.-Anna-Prozession 

Am 26. Juli, ist das Fest der Mutter Marias, der heiligen Anna. Auch sie wird neben der Mutter Gottes im Drolshagener Land besonders verehrt. Schon seit undenklichen Zeiten ist sie Mitpatro­nin des St.-Sebastianus-Altars der St.-Clemens-Pfarrkirche in Drolshagen und Patronin der Jungschützen der früheren Sebastianus-Bruder­schaft Drolshagen.
In der St.-Antonius-Kirche in Iseringhausen ist sie ebenfalls Mitpatronin eines Altares. 

Besondere Verehrung erfährt die Mutter Anna im benachbarten Belmicke. Hier ist sie Patronin der 1734 erbauten Pfarrkirche. Zu ihren Ehren ist am letzten Sonntag im Monat Juli der "Annentag" mit der Annaprozession. Die Annaprozession ist nicht so groß wie die Bittprozession im Iseringhausen Grund und der Sendschotter Umgang, aber ebenso eindrucksvoll .

1736 weihte Pastor Peter Mertens von Drols­hagen das fertig gestellte Gotteshaus. Im gleichen Jahr findet schon die erste St.-Anna-Prozession statt. Zu dieser Prozession muss wohl eine Erlaubnis des Generalvikars von Köln vorgele­gen haben (siehe Text weiter unten). Pfarrer Mertens berichtet:

"1736, am 26. Juli, in festo S. Annae ist die erste prozeßion auß der Pfarrkirche zu Drols­hagen nach der Capelle auf der Belmicke vom Herrn vicario gehalten, allwo dann Herr Engel­hard und der vicarius eine weitläufige pro­zeßion bis zur attmicke auf dem Lutherischen Boden, wogegen die Widenester protestiert, angestellt."

Der Drolshagener Vikar zog also mit den Katholiken seiner Gemeinde von Drolshagen nach Belmicke, dort schlossen sich die Belmicker Katholiken unter der Leitung ihres Seelsorgers Engelhard an und zogen nun auf dem Wiede­nester Gebiet bis Attenbach. Aber da gab es Protest, wohl auch Auflauf und Schlägerei. Aber die Belmicker Katholiken ließen sich nicht beir­ren, das bezeugt Mertens Bemerkung von 1737. Danach hielten die Belmicker die Prozession auf Wiedenester Gebiet, ohne dass die Drolshagener mit ihrem Vikar dabei waren. Es muss dabei wie­der zu unerquicklichen Auseinandersetzungen gekommen sein, das besagt eine Notiz von Pfar­rer Mertens aus dem Jahr 1738.
In Köln hatte man von den Vorkommnissen gehört und die kurfürstliche Behörde verbot kur­zerhand die Prozession. Aber die Katholiken wussten sich zu helfen, sie hielten die Prozession auf Drolshagener Gebiet, wo sie keine Störung zu erwarten hatten. "Dennoch", so berichtet Mertens, "ist die Prozession gehalten worden von dem Herrn Lise, und dem vicario Drolsha­gensi et missionario Eckenhagensi in territorio colonesi. Es sind aber etliche contra inhibito­nem zu der Attmicke hingegangen und hernach bei dem anderen Haufen in territorio colonensi wieder eingefunden."  

Es verließen also einige die Prozession, ließen die Geistlichen mit den übrigen Gläubigen auf Drolshagener-Kölner Gebiet wei­terziehen und zogen erst nach Attenbach, in der Nähe von Wiedenest, um zu zeigen, dass sie keine Furcht kannten, nachher schlossen sie sich wieder dem Gros der Prozession an. Später wird man dann derartige Abschweifungen unterlassen und sich mit dem neuen Prozessionsweg zufrieden gege­ben haben.
In den Jahren 1749 und 1750 geht die Pro­zession immer noch durch Teile der Gemeinde Wiedenest. Hiergegen protestierten die Deputier­ten des Amtes Neustadt (Bergneustadt) bei ihrer Landesregierung, "weil man mit Prozession zu Nachteil des hiesigen Evangelisch-Lutherischen Territorium von neuem invadiere". Der Landes­fürst von Schwartzenberg, selbst katholisch, scheint mit der Prozession einverstanden zu sein.
Im Jahre 1751 fand wiederum die Prozession statt, und wurde von den Deputierten des Amtes nachher festgestellt, dass "die Prozession ein Stück Weg in einer Wiese unter der Attenbach begangen und darinnen das Gras beschädigt habe".

Der Generalvikar de Sierstorpf von Köln schrieb am 16.07.1753, also 17 Jahre nach der ersten Annaprozession dem Belmicker Pfarrer folgenden Brief:

"Hochwürdiger Herr!
Es ist mir berichtet worden, daß mein Amtsvor­gänger im Jahre 1736 dem Rector der Kirche zu Belmicke erlaubt habe, jährlich am Feste der heiligen Anna eine feierliche Prozession zu halten. Mit großem Bedauern habe ich wahrge­nommen, daß dieselben über die Kölnische Grenze, bis in das Amt Neustadt ausgedehnt wird, wodurch seitens der Lutheraner gewalti­ger Widerstand hervorgerufen worden ist. Es ist gewiß, daß dadurch, wenn die Prozession dieses Jahr wieder daher geführt wird, große Ärger­nisse entstehen, ja selbst Mord und Todtschlag zu befürchten sind. Um diese Unglücke zu ver­meiden, tragen wir Euer Hochwürden unter willkührlicher Strafe auf, dafür zu sorgen, daß die Prozession die Grenzen des Kölnischen Landes nicht überschreitet.

Ich verbleibe
Euer Hochehrwürdigen breitwilligster Diener
P.G.F de Sierstorpf, General-Vicar.

Köln, den 16. Juli 1753"

Die Belmicker waren ob dieser Anordnung erbost. Mit ihnen auch der Pfarrer. Hatte man sich dafür bis heute dem lutherischen Glauben widersetzt? Sie beschlossen, weiter die Prozes­sion abzuhalten.
Da die Prozessionen also weiter gehalten wurden und die Proteste seitens der Amt-Depu­tierten anhielten, wandte sich der Fürst von Schwartzenberg im Jahre 1767 an den Kölner Erzbischof um bat um Abstellung, "damit die Gemüter der Lutherischen beruhigt würden". Wie diese Angelegenheit ausgelaufen, berichten die Akten nicht.
Scheinbar sahen dann doch beide Seiten ein (vielleicht auch durch entsprechenden Druck des Erzbischofs), dass es so nicht weitergehen konnte, und dass man sich wegen aller, auch anderer kirchlichen Angelegenheiten, mal unterhalten müsse. So setzte man sich gemeinsam an einen Tisch, die Katholiken und die Lutheraner und schloss einen Vergleich.

Der erste von neun Punkten dieses Vergleichs vom 22.07.1769 betrifft die Annaprozession und lautete:  

"Daß diese Kreuz-Errichtung im Kirchspiel Wiedenest sowohl als die Führung einer Prozes­sion aus der Kirche durch dieses Kirchspiel gänzlich eingestellt, aufhören, und binnen der Grenzen des Kölnischen Gebiets bleiben soll."

Aus diesem Vergleich ist zu schließen, dass die St.-Anna-Prozession seit 1769 durch das Gebiet der Pfarrei Belmicke und dann zum größten Teil durch das Gebiet des Kirchspiels Drolshagen zog. So ziehen dann, zumindest seit 1769 die Pastore von St. Clemens in Drolshagen und deren Kapläne alljährlich mit der Anna-Prozession. Anzunehmen ist, da die „nicht abtrünnig gewor­denen Gläubigen" auf der hohen Belmicke und den übrigen Ortschaften des jetzigen Kirchspiels Belmicke sich mit den Drolshagenern, und auch mit den Geistlichen von St. Clemens immer gut verstanden, dass die Drolshagener Pastore schon von Anfang an mit der St.-Anna-Prozession mit­gegangen sind.

Scheinbar gab es bei der Errichtung der neuen Belmicker Pfarrkirche im Wechsel des 19. zum 20. Jahrhundert auf kölnischen Grund und Boden keine Probleme dieser Art mehr. Nach wie vor führt aber der größte Teil des Prozessionsweges weiter über Drolshagener und damit ehemals kölnisches Gebiet.

Soweit zur Geschichte der St.-Anna-Prozession.


Der Festtag
selbst beginnt bereits am Vortag. Straßen, Wege und Plätze werden festlich geschmückt. Fahnen und Girlanden gehören ebenso dazu wie die Blumenteppiche. Am Vor­abend des Annentages läuten die Glocken von der Belmicker Höhe und in Benolpe den Festtag ein. Böllerschüsse, wie bei hohen Festen und Prozes­sionen üblich, sind bis ins benachbarten Drolsha­gen und Bergneustadt zu hören.

Am Annentag um 8.00 Uhr ist in der St.-Anna-Kirche in Belmicke ein feierliches Hoch­amt. Danach zieht die Prozession aus.
Die erste Segensstation ist an der Ecke Annastraße / Peter-Butz-Straße gegenüber der ehemaligen Gaststätte Bieker. Hier stand bis Anfang des 20. Jahrhunderts die erste Kirche aus dem Jahre 1734. Der Altarstein, auf dem die erste Segensstation gehalten wird, soll der ursprüngliche Altar er alten Kirche sein.
Über die Peter-Butz-Straße geht es weiter am Friedhof vorbei, um dann etwas oberhalb, des jetzigen, für den Drolshagener Kämmerer Peter Butz errichteten Gedenkstein nach links in die Feldflur abzubiegen.
Den Sportplatz „am Windhagen“ lässt man links liegen und die Prozession gelangt dann zur II. Segensstation an dem aus Stein errichteten Altartisch oberhalb der Ortschaft Feldmannshof.
Es ist schon jahrelange Übung, dass der Pastor von Drolshagen mit seinen Messdienern an der Gemeindegrenze das Sanktissimum übernimmt und es durch das Drolshagener Gebiet trägt. In der zur Pfarrei Drolshagen gehörenden Kapelle in Benolpe, die der heiligen Theresia vom Kinde Jesu geweiht ist, spricht der Drolshagener Pastor auch die Dank- und Segensgebete.
Von der II. Segensstation geht es dann weiter über den früheren Schulweg von Feldmannshof und Gipperich nach Benolpe. Hier in der freien Feldflur bieten sich für den Beter und Bitter herrliche Nah- und Fernsichten in das Drolsha­gener Land. In Benolpe kommt die Prozession über die Straße "Am Hang" auf die Rheinlandstraße zur III. Segensstation an der Kapelle in Benolpe.
Es geht dann den Berg hinauf zum "Benolper Köpfchen". Dort überschreitet die Prozession wieder die Gemeinde- und Pfarrgrenze und gelangt zurück in das Kirchspiel Belmicke. Auf dem Friedhof in Belmicke ist die IV. und letzte Segensstation. Von dort geht es wieder zur Pfarrkirche, wo mit einem feierlichen „Te Deum“ die Prozession endet.

Die Prozession soll allerdings, so wird berich­tet, früher einen anderen Weg gegangen sein als heute.

Nach dem Hochamt und der Prozession beginnt dann im gesamten Kirchspiel Belmicke und den Orten der ehemaligen Schulgemeinde Benolpe der große "Annentag".
In früheren Jahren fand vor den Häusern Hütte, Berg und Bieker in Belmicke eine "richtige Kirmes" statt. Eine Kirmes gehört schließlich zu den hohen kirchlichen Festen. Die Kirmes hat ja ihren Ursprung aus der "Kirch-Messe“.

Der Festtag wird auch heute noch von vielen ehemalige Ortsbewohner, Freunden, Verwandten und Bekannten zum Anlass genommen wieder einmal heimzukehren um diesen Feiertag dann gemeinsam feiern.


Quellenhinweis: 
Kleeschulte: Die Anfänge der Anna-Prozession, In: HBO. Jg. 8(1931). S. 101 ff.
Alterauge: Die Anna Prozession. In: Rundblick der Stadt Drolshagen. Juli 1983
Hirschmann: Über Belmicke. In: HBO. Jg. 7(1930). S. 142